Gedanken z. Monatsspruch

MONAT September 2024
 
"Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?" Jer 23,23 (L)
von Pfarrer Thomas Müller, Evangelische Stadtkirchengemeinde Baden-Baden

Verfügen können wir nicht über Gott – weder über unsere Bilder von ihm noch unsere Erfahrungen mit ihm. Dies zeigt der Monatsspruch.
Wir reden manchmal allzu gedankenlos und belanglos vom „lieben Gott“, der alles richten wird; möglichst zu unserer Zufriedenheit. Dieser naiven Anschauung tritt der Prophet vehement entgegen. Jeremia verweist auf die auch dunklen, rätselhaften Seiten Gottes.
„Bin ich nur ein Gott, der nahe ist; und nicht auch ein Gott, der ferne ist ?“. Das passt nicht in unser Welt- und Glaubensbild; das ist sperrig zu unseren Schubladen, die wir nach unserem Geschmack auf- und zuziehen. Wir ordnen auch Gott gerne bestimmten Kategorien zu.
Im Kindergarten singen wir manchmal: „Vom Anfang bis zum Ende hält Gott seine Hände über mir und über dir – das hat er uns fest versprochen, sein Wort niemals gebrochen…“. Wir dürfen – Gott sei Dank! – diese wohltuende Erfahrung der Geborgenheit und des Vertrauens machen. Der 139. Psalm drückt es aus: es gibt keinen Ort auf Erden: ob nah oder fern; keine Zeit in unserem Leben: ob schön oder schwierig; keinen Umstand: ob bekannt oder unsicher – wo wir nicht aufgehoben sind in der Treue und Barmherzigkeit Gottes, trotz allem und in allem. „Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe, so weißt du es; du verstehst deine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir“.
Diese Verheißung lässt uns aushalten die Gedanken Gottes, die nicht den unseren entsprechen; lässt uns die Wege gehen, die Gott uns führt; wenn auch mit Murren und gewiss nicht immer einverstanden.
Es gibt mutmachende Prophetenworte und ziemlich harte; es gibt fast zärtliche Jesusworte und sehr provozierende. Den einen ist es egal: sie zehren von einer Heilssicherheit: Gott ist ganz an meiner Seite, jederzeit; egal was passiert und was ich tue oder auch wo ich leider versage. Die anderen leben mit einer latenten Heilsunsicherheit – ich sehe Gott nicht; habe Angst, ihm nicht zu genügen; habe das Gefühl: ich sehe Gottes Spuren nicht, ich merke nicht sein Wirken, ich habe ein leeres Gefühl; ich kann seinem Gebot & Willen nicht entsprechen.
Wir haben Gott nicht in der Tasche – das ähnelt den ambivalenten Begegnungen der biblischen Gestalten: den Strahlen der Herrlichkeit können wir nicht standhalten, aber uns davon die Schritte beleuchten und die Herzen erleuchten lassen. Wir sind an Gottes Wort verwiesen und die Gebote als Leitplanken. Die Gemeinschaft daraus ermutigt und hilft in der Trauer zu Trost, in der Kraft zur Klage, im Zweifel zur Zuversicht. So können wir hoffnungsfroh singen, glauben, leben „Gott wird auch unsre Wege gehen, uns durch das Leben tragen“ – gerade wo es kompliziert wird, uns die Nähe Gottes sehr fremd erscheint; wo wir mit dem „deus absconditus“ (abwesenden Gott) in uns ringen !?!