Gedanken zur Jahreslosung 2024

„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ 1. Kor 16,14 (E)
von Pfarrerin Andrea Freisen, Evangelische Klinikseelsorge, Klinikum Mittelbaden

„Das ist eine schöne Jahreslosung“, denke ich. Innere Zustimmung, das ist meine erste Reaktion. Doch gleich kommen auch andere Gedanken und ambivalente Gefühle in mir auf. Ich denke an die vielen Paare, die ich getraut habe und die sich Verse aus dem 1. Korintherbrief als Trauspruch gewählt haben: „Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf.“ (1. Kor 13, 7-8) Wie schön! Und doch - überfordern wir uns hier nicht selbst? Um wessen Liebe geht es eigentlich?
Ich denke an unsere Welt. An den Frieden, der an so vielen Orten weit weg ist. Gesellschaftliche Spannungen nehmen zu. Angst, Hass, Zwietracht und Konflikte scheinen unser Miteinander im Privaten, wie auf Weltenebene immer öfter zu bestimmen. Der Appell, den der Apostel Paulus schon vor zweitausend Jahren an seine Gemeinde in Korinth richtete, hat in dieser Weltenlage nichts an Aktualität und Notwendigkeit verloren. Die Entscheidung für diese Jahreslosung erfolgte auch auf diesem Hintergrund: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“. 
Für mich ist es eine große Stärke unseres christlichen Glaubens, die Ambivalenzen hochzuhalten, auszuhalten und sie zu leben. Die Jahreslosung spricht von Gottes Liebe und von menschlicher Liebe zugleich. Gottes Liebe ist uns geschenkt und in uns hineingelegt. Sie ist wie ein Raum, in dem wir leben und mit unserer unvollkommenen menschlichen Liebe unterwegs sind. In diesem Sinne geschieht tatsächlich „alles“, was wir tun und lassen im Raum der göttlichen Liebe, in dem wir uns als von Gott angesehen und liebevoll angeschaut vorfinden.
Und gleichzeitig spricht die Jahreslosung konkret von unserem Lieben und dem großen Anspruch an uns, dass „alles, was wir tun in Liebe geschehen soll.“
Eine Lebensaufgabe, eine tägliche Übung ist das. Wir sind Empfangende und Gebende zugleich. Immer wieder neu gilt es, die Hände zu öffnen, uns selbst unter Gottes Angesicht zu stellen, in seinen Augen sind wir schön!
Und gleichzeitig zu wissen, dass der Anspruch an uns gilt und dass jeder Schmetterlingsflügelschlag der Liebe, den wir tun zählt und Wirkung hat.