Monat August 2023

"Du bist mein Helfer, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich. (Ps 63,8) 
von Pfarrerin Tina Blomenkamp, Evangelische Dreieinigkeitsgemeinde Bietigheim - Muggensturm - Ötigheim
Der Psalmvers hält mir sein Smartphone hin und lässt mich durch die Bilder scrollen. 

Eine Henne, die schützend ihre Flügel über den Küken ausbreitet. David, der auf der Flucht ist. Durch die Wüste. Vor den wilden Tieren und seinen Verfolgern findet er Schutz in einer Höhle. Menschen, die mit Schirmen durch meine Straße laufen. Manchmal, weil es regnet, und manchmal, weil die Sonne scheint. Zeichnungen des ersten Tempels in Jerusalem. Engelswesen mit Flügeln bewachen den Thron Gottes. Im Tempel ist Gottes Nähe zu spüren: ein Ort der Sicherheit.
Ich denke, alles ist geklärt, und nicke: ja, wirklich, du bist ein schöner Psalmvers. Ich will ihm das Smartphone zurückgeben. Aber er möchte, dass ich weiterscrolle. Auf dem nächsten Bild sehe ich die Kathedrale von Odessa, eine historische Ansicht. Dann eine Chronik: 1795-1827 Aufbau, 1919 Plünderung, 1932 Schließung, 1936 Sprengung, 1999-2010 Wiederaufbau, 2023 schwere Beschädigung, teilweise Zerstörung. Schließlich ein Foto vom 23. Juli: eingestürztes Dach, abgeknickte Säulen, Schutt und Asche. Der Psalmvers schaut mich mit großen Augen an.
„Gott, Schutt, Asche“, titelt die Journalistin Olivia Kortas und fragt: „Wo gibt es noch Zufluchtsorte in diesem Krieg?“ Und ich spüre, dass meine Flügel-Schutz-und-Schirm-Seligkeit verschwunden ist. Dahin würde es mich doch auch ziehen, wenn mir die Welt um die Ohren fliegt: in die Kirche. An meinen Zufluchtsort mit den Engelsflügeln, der Hoffnungskerze und den Liedern, die von Geborgenheit singen. Und von Hilfe in der Not. Olivia Kortas schreibt: „Trifft eine Rakete eine Kirche, dann nimmt sie den Menschen auch jenen Ort, an dem sie trotz des Krieges Zuflucht finden, ihre Liebsten feiern und um ihre Toten trauern können.“
Der Tempel in Jerusalem wurde zerstört. Davon erzählen viele der biblischen Texte. Der Ort der Sicherheit und der Gottesnähe war nicht mehr da. Aber die Bilder blieben. Und das Gefühl, unter dem Schatten der Flügel zu sitzen. Und das Vertrauen, bei Gott geborgen zu sein. Auch ohne Tempel.
Und Gott blieb. Und bleibt und wird bleiben. Während wir Menschen uns gegenseitig unsere Zufluchtsorte zerschießen und die Flügel ausreißen. Gott blieb und bleibt und wird bleiben. Ich hoffe, die Menschen in Odessa spüren das. Wenn sie vor der Kirche stehen und beten. Ich schaue den Psalmvers mit großen Augen an. Langsam beginnt er zu nicken und sagt: Du bist mein Helfer, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich.