Die Gegend sah heruntergekommen aus. Die Hausfassaden bröckelten. Der Aufzug des Hauses ging schon seit Jahren nicht mehr. Die Wohnung war beengt. Die Mutter erzählte mir, dass sie gleich zwei Jobs hatte, um über die Runden zu kommen.
Doch von der Enge der Wohnung und der Lieblosigkeit der Hausfassaden war in der Familie selbst nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil. Liebevoll umsorgte die Mutter nicht nur ihre Tochter, sondern auch mich. Die Mutter schlief auf der Couch, um mir ihr Schlafzimmer für die Zeit meines Besuchs zu überlassen. Sie kochte jeden Tag einfache, aber leckere Gerichte für uns, richtete uns Vesperpakete für die Schule und sie nahm sich Zeit zum Spielen und Reden. Sie war da. Und schenkte mir auf diese Weise Sicherheit in der mir doch etwas fremden Welt, in die ich da eintauchen durfte. Mir, die ich bedürftig war nach einem Halt in dieser Situation.
Diese Frau, die schon früh Witwe wurde, die so viel Verantwortung tragen musste für sich und ihre Familie – sie ist mir immer in Erinnerung geblieben und wird es auch weiterhin sein. Denn sie hat mich erleben und spüren lassen, wie es ist, wenn es jemand gut mit einem meint. Wie das geht – jemandem anderen etwas Gutes zu tun, der sich womöglich gerade fremd oder alleine fühlt, der Nähe und Sicherheit bedarf. Sie konnte mir keine Ausflüge oder ein teures Festmahl bieten, aber sie gab mit offener Hand und besonders mit offenem Herzen, was ihr möglich war. Und hat mir dadurch so gutgetan.
So denke ich beim Monatsspruch im Mai 2023 ganz besonders an sie. Und nehme ihn mir selbst zu Herzen: Ich will mit offenen Augen durch meinen Alltag gehen. Wahrnehmen, wo und wie ich jemandem Anderen etwas Gutes tun kann. Auf die Zwischenzeilen hören, wenn mir jemand etwas aus seinem Leben erzählt und mich nicht weigern, meine Hilfe anzubieten – eine offenes Ohr zum Zuhören, eine Schulter zum Anlehnen, helfende Hände, die ganz praktisch mit anpacken. Zeit. Meine Zeit als Geschenk für ihn oder sie. Mit das Kostbarste, das wir haben.
“Bedürftige” – das sind wir alle. Möge Gott mir und uns einen offenen, einen herzlichen Blick schenken für die Menschen, denen wir begegnen. Und mögen wir selbst in den Blick geraten von Menschen, die uns Gutes tun.