Monat Dezember 2022

„Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie. (Jesaja 11,6)
von Dr. Helmut Mödritzer, Schuldekan des Evangelischen Kirchenbezirks Baden-Baden und Rastatt

Ein Vers aus dem elften Kapitel des Prophetenbuches Jesaja, in dem es um den Messias und sein Friedensreich geht. Es ist uns vertraut, in der Adventszeit vom Friedenskönig zu singen. Denken wir an Lieder wie ‚Tochter Zion‘, wo es heißt: „Ja, er kommt, der Friedefürst … ewig steht dein Friedensthron“. Oder an das wohl bekannteste Adventslied ‚Macht hoch die Tür‘; dort heißt es in der ersten Strophe: „…der Heil und Leben mit sich bringt“.
Zu Recht ist die Adventszeit eine Zeit der Erwartung, mehr noch: der Sehnsucht. Wir sehnen uns nach dem Retter, nach dem Erlöser der Welt. Ja, wir singen ihn in der Adventszeit regelrecht herbei. Und an Weihnachten, dem Ziel der Adventszeit, aber eigentlich jeden Sonntag in unserer Liturgie, leicht abgewandelt, singen wir inbrünstig: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden.“
Aber haben wir bei alledem – so wie der Prophet Jesaja – auch den sog. Tierfrieden im Blick? Oder denken wir dabei vor allem oder ausnahmslos an das Ende der 28 Kriege und bewaffneten Konflikte, die es aktuell auf der Welt gibt, in diesem Jahr vor allem das Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine? Es zeichnet die Verfasser des Alten Testamentes aus, dass sie beim umfassenden Frieden, dem schalom, auch an die Tiere denken. Die Alten hatten ein Gespür dafür, dass Frieden, dass schalom, ohne die Tierwelt nicht möglich ist. Dass die Schöpfung nicht heil ist, solange sich Tiere untereinander gegenseitig bedrohen und töten. Und die Alten wussten auch darum, dass mit jedem Tier, das durch Menschenhand stirbt, immer auch ein Geschöpf Gottes stirbt. Die Beschreibung des Tierfriedens im 11. Kapitel Jesajas, die Sehnsucht nach dem göttlichen schalom auch für die Tiere, geht noch weiter. Es heißt in den Folgeversen:
7 Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. 8 Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter. 9 Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des HERRN, wie Wasser das Meer bedeckt.   (Jesaja 11,7-9)
Wie sehr lassen wir diese Sehnsucht an uns heran? Wie wichtig ist er uns, der Tierfriede? Ich schreibe einmal ganz ungeschützt: Wir Menschen führen einen Krieg gegen die Tiere! Grenzenlos und total!
Immer stärker zerstören wir ihren Lebensraum, immer mehr drängen wir sie zurück, bei immer mehr Tieren schauen wir zu, wie sie von unserer Erde für immer verschwinden. Und lediglich die uns genehmsten lassen wir vorübergehend am Leben, aber das auch nur, um sie mehr oder weniger lustvoll zu essen. 
Seit Jahren hilft meine Frau Erdkröten in Haueneberstein und auf der Landstraße nach Kuppenheim im Frühjahr am Sonntagmorgen für rund zehn Wochen buchstäblich über die Straße. Die gute Stunde, die sie sich dafür Zeit nimmt, ist ihr Sonntagsgottesdienst. Jahr für Jahr werden es weniger Kröten, die es an die Laichplätze schaffen, die ihr Überleben sichern könnten. Bald werden die geschützten Erdkröten auch dort verschwunden sein. 
Vor ein paar Jahren hörte ich einen Satz, der mir durch Mark und Bein ging. Er stammt von Christan Morgenstern, ist also durchaus schon etwas älter, und er gehört wohl eher zu den weniger bekannten Sätzen dieses Dichters. Er lautet: „Wehe dem Menschen, wenn auch nur ein einziges Tier beim Jüngsten Gericht sitzt.“ Christian Morgenstern ist schon über 100 Jahre tot. Aber mir scheint, sein Satz ist heute fast aktueller als damals. 
Kritiker werfen dem Christentum vor, dass es sehr, zu sehr den Menschen, seine Erlösungsbedürftigkeit und Sündhaftigkeit in den Fokus stellt. Ich finde diese Kritik berechtigt. Das Christentum ist eine anthropozentristische Religion. Das hatte und hat gute Gründe. Aber Gott hat nicht nur den Menschen geschaffen, sondern auch den Menschen. Der Ökumenische Rat der Kirchen hat bei seiner Vollversammlung 1983 in Vancouver zu einem konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung aufgerufen. Damit begann eine große Bewegung zur „Umkehr in die Zukunft“ mit dem Ziel, Ungerechtigkeit, Unfrieden und Umweltzerstörung zu analysieren und letztlich zu überwinden hin zum göttlichen schalom.
Ich bete dafür, dass unsere Sehnsucht nach dem göttlichen schalom, der auch die Tiere miteinschließt, in unserem Handeln Gestalt gewinnen möge. Klar: Wir können den göttlichen schalom selbst nicht machen. Er ist und bleibt ein Gottesgeschenk. Aber unsere Sehnsucht möge doch so stark werden, möge unsere Herzen so sehr brennen lassen, möge uns so sehr mit unseren Mitgeschöpfen leiden lassen, dass wir Gottes Plan für diese Welt nicht länger aktiv bekämpfen, sondern nach Kräften unterstützen mögen.