Hoppla, denke ich, wer spuckt mir denn da in die Suppe? Wer gönnt mir da nicht, was ich esse, trinke, welche Kleidung ich trage und mehr? – Dieser Prophet Haggai, ein echter Miesepeter vor dem Herrn?
Gleichwohl: Der Vers, so sehr er bei mir beim ersten Lesen auch auf Widerstand und Widerspruch stößt, macht mich neugierig. Und das gleich in zweierlei Hinsicht: unmittelbar und historisch.
Wenn ich ein wenig nachdenke, kommt mir das ja auch irgendwie bekannt vor: Essen, das nicht satt macht – vorzugsweise Chips, Junkfood und ähnliche „leere Kalorien“. Getränke, die nicht sitt (dieses Kunstwort gibt es seit dem Jahr 1999 wirklich, es hat sich im allgemeinen Sprachraum allerdings nicht durchgesetzt und erscheint daher auch nicht in gängigen Wörterbüchern) machen – Cola oder andere vorwiegend klebrige Süßgetränke. Kleider, die nicht warm machen, sehe ich vor allem bei Schülerinnen im Winter – sodass ich selbst fast friere… Und das mit dem „löchrigen Beutel“ kennen wir wohl auch – manchmal ist das Geld einfach wirklich flugs weg (aber eigentlich besser: ausgegeben).
Aber: Das kann der alttestamentliche Prophet ja wohl kaum gemeint haben, oder? War er doch Prophet und kein Hellseher. Hier hilft mir ein Blick auf die in der Bibel dargestellte historische Situation Haggais: Nachdem es den Juden erlaubt war, aus dem babylonischen Exil zurückzukehren und den Tempel wiederaufzubauen (538 v.Chr.), wurde der Altar in den Trümmern des Jerusalemer Tempels auch tatsächlich wieder funktionstüchtig eingerichtet. Doch dann stockte das weitere Bauvorhaben. Die Gründe hierfür waren, wie so oft, vielschichtig. So verschoben sich der Eifer und die Energie für das Bauen ins Private. Man baute nicht mehr das und am „Haus Gottes“, sondern sein eigenes Haus und das sehr schön, machte es sich dort und darin behaglich und bequem (heute sagt man dazu „Cocooning“) und vergaß darüber das Haus Gottes.
Hier intervenierte nun der Prophet Haggai und erinnerte seine jüdischen Landsleute an ihre Grundbeziehung, an den Bund mit Gott: Nur wenn ich in diesem Bund stehe und mich darin bewege, nur dann geht es mir letztlich auch gut! Trete ich aus dem Bund heraus, achte ich ihn nicht und vergesse ihn, verschieben sich meine Energie und Aktivität in Richtung Dinge, die meine Seele weder sitt noch satt machen, die mich weder wärmen noch reich machen.
Haggai verordnet mir keine Askese und keinen sauertöpfischen Glauben. Vielmehr geschieht für ihn Wachstum durch das Loslassen des Kleinen und dem sich Öffnen gegenüber dem Größeren, gegenüber Gott. Er erinnert mich sozusagen an meine eigene und grundlegende Sehnsucht: gut und erfüllt zu leben. Und das, das weiß ich, geht nur mit Gott.
Haggai hatte mit seiner prophetischen Intervention „Erfolg“. Wirkungsgeschichtlich gilt er als einer der erfolgreichsten Propheten des Alten Testaments. Denn die Menschen in Jerusalem folgten seiner Aufforderung, den Tempel wiederaufzubauen. Damit prägte Haggai maßgeblich das nachexilische Judentum mit. Seinen „Erfolg“, die Wiedereinweihung des Tempels im Jahr 515 v.Chr., hat Haggai nicht mehr erlebt. Das kann auch ein Trost sein: Ich mache, was richtig ist, auch wenn dies keinen unmittelbaren sichtbaren Erfolg zeitigt.
So kann ich von Haggai lernen: Ich möchte meiner Beziehung zu Gott wieder mehr Raum geben, mich nicht aufsaugen lassen von Arbeit, Verlockungen oder Sorgen, sondern wissen: Letztlich lebe ich aus meiner Beziehung zu Gott heraus. Sie richtet mich auf und stellt mich in diese Welt – als lokal Handelnder und global Denkender. Und das kommt mir, meiner Familie, meinen Mintmenschen und meinen Mitgeschöpfen zugute.