Monat Oktober 2021

"Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken." (Hebr 10,24 (L) )
Von Pfarrerin Ute Jäger-Fleming, Paulusgemeinde Baden-Baden

Jeder und jede von uns kennt Situationen, in denen nichts gelingen will. Unsere Pläne werden durchkreuzt, unsere Bemühungen laufen ins Leere. Das Ergebnis, das wir uns versprochen haben von diesem oder jenem Engagement, ob im Privaten oder im gesellschaftlichen Leben, bleibt aus. Wir sind geknickt und die Lust haben wir auch verloren.
 
An Menschen, die entmutigt sind, richten sich die Worte des Hebräerbriefs. Diese Menschen haben schon einiges für ihren Glauben in Kauf genommen. Dazu gehörten öffentliche Beschimpfungen und Quälerei, Gefangenschaft, Raub von Vermögen, von Hab und Gut. Das alles liegt nun glücklicherweise in der Vergangenheit. Doch noch ist nicht alles wieder gut. Auf die Leidenszeit folgt eine neue, ganz andere Krise. Die Gemeinde leidet an Ermüdungserscheinungen, Gleichgültigkeit, Lustlosigkeit am Gottesdienst, Schwerhörigkeit und Trägheit des Herzens.
 
Oh je, denke ich. Schon die Liste allein hört sich anstrengend an. Wie kommt man aus so einer Lage wieder heil heraus? Allein geht das nicht, lautet das Rezept. Sondern „lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.“
 
Heute wird viel über Achtsamkeit gesprochen. Sie scheint an vielen Orten und in vielen Beziehungen verloren gegangen zu sein. Wir müssen sie erst wieder im Umgang miteinander erlernen. Dazu gibt es inzwischen auch Kurse, die man belegen kann. Meine Großmutter übte sich und uns Enkelkinder auf eine besondere Weise in Achtsamkeit ein, und zwar mit Tomatenmarktuben. Die rollte sie immer sehr langsam und sorgfältig auf, damit auch ja nichts von dem Inhalt verloren ging. Jeder Brotkrümel, der beim Brotschneiden an die Seite fiel, wurde mit der Hand sorgfältig zusammengefegt, in unsere Hände gelegt, vom Schüsselausschlecken beim Backen muss ich niemand etwas erzählen. Wir Kinder liebten diese Art der Achtsamkeitsübung. Wir lernten: Alles hat seinen Wert.
 
Meine Großmutter war nach überstandenem Leiden des 2. Weltkriegs aus der ungarischen Heimat vertrieben worden. Hof und Gut, alles musste sie lassen. Auch deshalb warf sie nichts weg, keinen Krümel Brot und keinen Krümel Hoffnung. Für sie war klar, der liebe Herrgott – so nannte sie Gott – meint es gut mit uns. Unsere Aufgabe bestand darin, es Gott nachzumachen. Das war ihr Rezept in guten wie in schwierigen Zeiten.
 
In all den Veränderungen, die wir in diesen Tagen und Jahren zu bewältigen haben, bei all den Zielen, die wir uns dabei setzen, ja sogar in den Koalitionsgesprächen, die unsere Politiker nach der Bundestagswahl führen und selbst auf der Ebene der Weltpolitik, würde ein solcher Ansatz uns weit bringen: Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.